Touristenliebling und Spiegel der Zeit: Die 36 wird 60!

Unternehmen, Infrastruktur | 30.10.2015

Inbetriebnahme der Buslinie am 30. Oktober 1955

Frühzeitiger Einsatz betrieblicher und technischer Errungenschaften

Am 30. Oktober 1955 nahm die Hamburger Hochbahn AG (HOCHBAHN) die Linie 36 zwischen Hauptbahnhof und Blankenese in Betrieb. Eine besondere Perle ist die 36 nicht nur aufgrund ihrer Streckenführung, die unter anderem den Hamburger Westen von seinen schönsten Seiten zeigt: Auf einer Teilstrecke führt sie von Blankenese über die Elbchaussee am Altonaer Rathaus vorbei bis zur Reeperbahn, anschließend passiert sie Michel, Musikhalle, Planten un Blomen und Staatsoper, bevor es dann an Binnenalster und Rathaus vorbei in die Innenstadt geht.
Die Geschichte der Linie liest sich außerdem rückblickend wie ein Spiegel der Entwicklung des Bussystems: Pendler profitierten über Jahrzehnte davon, dass neue betriebliche und technische Errungenschaften oft zuerst auf den Schnellbuslinien, zu denen die 36 bis heute gehört, zum Einsatz kamen, bevor sie auf andere Linien übertragen wurden.

Erste-Klasse-Service, Einmannbetrieb und der erster Sprechfunkverkehr

Als umsteigefreie und vor allem schnelle Verkehrsverbindung in die Innenstadt für Fahrgäste aus den Außenbezirken geschaffen, bot die Linie 36 „bequem wie der eigene Wagen“ (Werbebotschaft aus dem Jahr 1958) Erste-Klasse-Service und Sitzplatz-Garantie. Als 1966 mit dem HVV die Tarifeinheit kam, wurde der Schnellbus aufgrund dieser besonderen Merkmale zuschlagpflichtig. Die Musik in den Bussen und die weißen Handschuhe der Busfahrer gehören seit Jahrzehnten der Vergangenheit an – der besondere Sitzkomfort hat bis heute Bestand.
Für die Inbetriebnahme waren 1955 zehn Busse des Typs Daimler Benz O 321 beschafft worden, die auf der Strecke von vorne herein im sogenannten Einmannbetrieb gefahren wurden – der Fahrer verkaufte also zugleich auch Fahrkarten. Bis 1959 setzte sich das Prinzip dann auf allen Buslinien durch.
Ab 1963 führte die HOCHBAHN zudem schrittweise den Sprechfunkverkehr zwischen den Bussen und den Disponenten an den Umsteigeanlagen ein. Als Weiterentwicklung folgte 1965 die automatische Standortübermittlung per Funk, auf deren Basis die Leitstelle Unregelmäßigkeiten bemerken und bei Bedarf Ersatz- oder Ergänzungsbusse anfordern konnte. Dieses System startete auf den Schnellbuslinien und wurde dann auf die Stadtbusse übertragen. Die Kombination aus Standortübermittlung und Funkkontakt stellte eine der wichtigsten Grundlagen für ein umfassendes Busüberwachungsystem dar, das 1978 einen weiteren Entwicklungssprung nahm: Der Datenfunk wurde durch das rechnergesteuerte Betriebsleitsystem (RBL) ersetzt.
Mitte der 90er der nächste große Meilenstein: Die „30er“ Linien werden als erste Busse der HOCHBAHN barrierefrei. Die Streckenführung der 36 passte sich über die Jahre der Stadtentwicklung an: So führt die ursprünglich zwischen Blankenese und ZOB gestartete Linie heute bis hoch in den Norden Hamburgs zum Berner Heerweg. Aufgrund der Bedienung weiterer Haltestellen auf dem Linienweg hat sich die Fahrzeit inzwischen den zuschlagfreien Linien angeglichen. Das Schnellbus-Konzept steht deshalb aktuell auf dem Prüfstand. Bis zur Entscheidung profitieren auf der 36 weiterhin rund 4 600 Fahrgäste täglich von dem besonderen Sitzkomfort. Und ein erstklassiger Blick auf den Hamburger Westen wird ihr so oder so in jedem Fall erhalten bleiben.