Im wilden Osten dieser Stadt

In der schönsten Stadt der Welt liegt das gefährlichste Pflaster.

Rowohlt Leseprobe Im wilden Osten dieser Stadt
Im wilden Osten dieser Stadt
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Sie traf Angie vor dem Bahnhof Altona. Allein und sehr aufrecht stand die dürre Gestalt vor dem hellen Eingang der Passage, die zu den Gleisen führte. Kristina fuhr ihr Auto rechts heran, stieg aus und ging auf sie zu.

Erleichtert registrierte sie, dass Angie ihren Einkaufswagen nicht dabei hatte. Sie hatte sich schon gefragt, wie sie das sperrige Gefährt in ihrem Fiat verstauen und wie sie es in der Psychiatrie wieder loswerden sollte.


Angie trug eine bauschige Winterjacke, die ursprünglich einem Mann gehört haben musste und ihr viel zu groß war. Obwohl es eine ungewöhnlich warme Oktobernacht war, hatte sie sich tief in das Kleidungsstück verkrochen, die Arme eng um den Oberkörper geschlungen. Sie sah aus, als würde sie frieren.


Etwas linkisch begrüßten sich die Frauen und gaben sich steif die Hand. Kein Außenstehender wäre auf die Idee gekommen, dass die beiden einmal Studentinnen im selben Semester gewesen waren. Sie sahen aus wie das, was sie in diesem Moment waren: eine chronisch psychisch Kranke und ihre gesetzliche Betreuerin...

Erfahren Sie mehr über die Journalistin und Ausstellungskuratorin Irene Stratenwerth.