Lorettas letzter Vorhang

Historischer Kiminalroman im stürmischen Oktober 1767

Geschichte Hamburg
Lorettas letzter Vorhang
© rowohlt

Dienstag, den 6. Oktober, vormittags
Die Stadt sah wie frisch gewaschen aus, und das war sie auch. Tagelang hatte der prasselnde Regen den Sommerstaub von den Dächern gespült, hatten stürmische Böen Unrat und alles, was nicht fest gebaut oder angebunden war, von Straßen, Plätzen und Höfen in die Fleete und Flüsse geweht. Die alten Ulmen auf den Wällen und die Linden auf dem Jungfernstieg reckten ihre gerupften, nun schon fast nackten Äste in den Himmel.


Die junge Frau im nachtblauen Mieder sah stirnrunzelnd an ihrem ehemals weiß und lavendelfarben gestreiften Rock hinunter. Der braune Morast und das schlammige Wasser der Pfützen, die viele Straßen der Stadt immer noch bedeckten, hingen schwer und klebrig bis weit über den Saum in dem feinen Kattun. Natürlich war es leichtsinnig gewesen, heute morgen ihren schönsten Rock anzuziehen. Aber wie wunderbar, daß Regen und Sturm sich endlich eine andere Stadt gesucht hatten! In den letzten Tagen hatte sie sich wie ein Vogel im Käfig gefühlt, und der erste Morgen ohne diese kalten Sturzbäche war wie ein Fest...