Ekrem: Beten während der Arbeitszeit

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Als ich 2010 nach meiner Ausbildung zum Büro- und Außenhandelskaufmann zur HOCHBAHN kam, war es offensichtlich, dass ich Muslim bin. Dass ich kein Schweinefleisch esse und keinen Alkohol trinke – geschenkt. Aber mein Team wusste nicht, dass ich fünfmal am Tag bete. Als praktizierender Muslim ist es mir sehr wichtig, mein Gebet auch während der Arbeitszeit zu verrichten. Ich bin damit jedoch nicht offen umgegangen, sondern habe heimlich gebetet.

Meine Sorge war, in eine Schublade gesteckt zu werden: „Aha, er ist sehr gläubig, also ein potenzieller Fanatiker oder gar Terrorist“, so fürchtete ich. Ich bin zwar in Hamburg geboren, begegne im privaten Alltag aber ständig solchen Vorurteilen. Das hatte mich vorsichtig werden lassen. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen, die mich zwar nicht sofort in eine Schublade stecken, trotzdem mit dem Islam überfordert sind.

Während der Arbeitszeit bete ich bis zu zwei Mal. Aus dem Gebet ziehe ich unheimlich viel Kraft und Energie. Am Anfang – ich war zunächst Haltestellenüberwacher und dann Zugfahrer – habe ich mir immer heimlich einen Raum gesucht, wo ich beten konnte. In Barmbek gab es damals zwar einen Ruheraum, der wurde von den Kolleg*innen aber wie ein zweiter Pausenraum genutzt, zum Beispiel zum Essen oder Rauchen. Da bin ich dann woanders hingegangen, denn ich wollte nicht durch meinen Glauben auffallen oder gar Forderungen stellen.

Bei einer anderen Vertretungsstelle bin ich zum Beten in den Pausenraum der Haltestelle Steinstraße gegangen. Wenn ich mal ein paar Minuten später wiedergekommen bin, habe ich die Zeit an meine Arbeitszeit drangehängt. Erst danach, als ich eine befristete Stelle bei der Abo-Hotline bekommen hatte, habe ich mich getraut und mit meinen Vorgesetzten über meinen Glauben gesprochen. Das war völlig unkompliziert und mir wurde angeboten, meine Pausenzeiten so zu legen, dass ich am Freitagsgebet teilnehmen kann. Da habe ich gemerkt, dass ich als Moslem bei der HOCHBAHN ganz offen zu meinem Glauben stehen kann. Das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt und war eine echte Erleichterung, denn auf Dauer tut es nicht gut, einen wichtigen Teil von sich zu verbergen.

Inzwischen gehe ich nicht mehr zur Haltestelle, sondern nutze entweder unseren Schulungs- oder einen Lagerraum zum Beten. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich mir umsonst Sorgen gemacht. Natürlich bin ich als Büromitarbeiter aber in einer besseren Lage als die Kolleg*innen im Fahrdienst. Es wäre schön, wenn die HOCHBAHN mehr Ruheräume anbieten könnte – nicht nur für Muslime, sondern auch für Gläubige anderer Religionen, oder auch zur Meditation oder für Yogaübungen.